Auf Deiner Seite sein

Auf Deiner Seite sein

Jeder echte Schritt, den wir für unser Wohlbefinden tun, braucht eine wesentliche Grundlage: Wir müssen dafür an unserer Seite und auf unserer Seite sein. Nicht gegen eine beeinträchtigende Situation, gegen das Verhalten anderer Menschen, sondern für uns selbst sein. „Uns“ im Sinne von uns als Ganzem, all inclusive, mit allem, was uns ausmacht, auch die Eigenschaften und Verhaltensweisen, die uns weniger gefallen. Vielen Menschen fällt das schwerer als gedacht. Vielleicht bist Du mit der Erfahrung groß geworden, dass Du weniger zählst als andere. Vielleicht bist Du auf Widerstand gestoßen, wenn Du Dich für Dein eigenes Anliegen eingesetzt hast, und hast daraus gelernt, dass zuerst die Anliegen anderer dran sind.

Vielleicht gibt es irgendwo tief in Dir den Glauben, gar nicht das Recht zu haben, glücklich zu sein.
Menschen, mit denen ich arbeite, bitte ich an so einem Punkt, sich vorzustellen, sie seien ein sehr guter Freund von jemandem. Wie wären Sie bei und mit Ihrem Freund? Und dann frage ich Sie: Bist Du dieser Freund für Dich selbst?Falls nicht, dann kann es sein, dass Du ungeduldig, hart und ungerecht mit Dir umgehst. Es kann passieren, dass Deine Selbstkritik laut wird, sobald Du beginnst, etwas Neues zu tun oder Dich an ein vergangenes Projekt zu erinnern. Dass Du am Ende des Tages zu wenig wertschätzt, was Du geschafft hast. Dass Du nicht annehmen kannst, wenn Bestätigung von außen kommt. Es mag sein, dass Du nur halbherzig oder zu spät Grenzen für Dich und gegenüber anderen ziehst. Dass Du vielleicht nicht benennst, was Du wirklich brauchst.

Anfangen, in Deinem eigenen Team zu spielen

Es ist die Verbundenheit mit Dir selbst, die Dich als ganzes Wesen weiter bringt. Nicht das Ziel, Dich selbst zu optimieren. Selbstoptimierung ist auf ein Zuwenig ausgerichtet und arbeitet mit Kritik. Verbundenheit hingegen beinhaltet Mitgefühl, Loyalität, Vertrauen. Sie lässt Dich Dir selbst aus ganzem Herzen Gutes wünschen. Aus dieser Verbundenheit heraus haben Deine Gefühle, Deine Bedürfnisse, Anliegen und Träume eine Bedeutung für Dich. Diese Verbundenheit ist es, die Dir die Klarheit und Kraft gibt, auf Dich zu hören, Dich für Dich einzusetzen und Dir ermutigend zuzusprechen. Verbundenheit holt Dich in Dein eigenes Team zurück.

Wie kannst Du deine Verbundenheit mit Dir selbst stärken? Indem Du Ihr die Möglichkeit gibst, in kleinen Schritten zu wachsen. Frage Dich also mehrmals täglich: Bin ich in diesem Augenblick auf meiner Seite? Akzeptiere ich mich gerade oder mache ich mich schon im Vergleich kleiner?
Gute Gelegenheiten dafür sind:

  • Wenn Du mit Deinem Denken in den typischen mind traps hängen bleibst: im Vergleichen, in Sorgen, in Beschuldigungen oder in beeinträchtigenden Glaubenssätzen („Ich schaff das nicht.“).
  • Wenn Du Dich schlecht fühlst: enttäuscht, frustriert, gestresst, irritiert.
  • Wenn Du Dich von jemandem oder etwas gedrängt fühlst.
  • Wenn Du etwas für Dein Wohlbefinden tun solltest, es aber nicht tust (wie z. B. mehr schlafen, ein klärendes Gespräch führen, online weniger bad news konsumieren).

Du warst schon einmal auf Deiner Seite, weißt Du noch?

Was Du dann tun kannst:

  • Wenn Du im Denken hängen geblieben bist (s. o.), stoppe diesen Gedanken, radikal und entschieden.
    Wenn Dir ein Gefühl schwer fällt, versuche dies: „Während dieses Gefühl da ist, wie kann ich gut für mich sorgen, was brauche ich gerade? Und was braucht dieses Gefühl?“ Vielleicht den Anruf bei einer guten Freundin. Vielleicht einfach Deine Hand auf Deinem Herzen.
  • Stelle Dir vor, es wäre jemand an Deiner Seite, dem Dein Wohlergehen wichtig ist, dem Du wichtig bist, der möchte, dass es Dir gut geht. Das erinnert Dich daran, dass Du zählst, und lässt Dich leichter fühlen, dass Du es wert bist, sich für Dich und Dein Wohlergehen einzusetzen. Das ist die Grundlage, um auf Deiner Seite zu sein.
  • Erinnere Dich daran, wie es sich angefühlt hat, für jemanden da zu sein. Vielleicht für einen Freund, ein Kind, ein Haustier. Einen hilfsbedürftigen Menschen. Nimm die unterschiedlichen Aspekte dieser Erfahrung wahr: Wie Loyalität, Nähe, Wärme, Miteinander, Entschiedenheit, Kraft. Lass Deinen Körper die Haltung dazu einnehmen: Vielleicht etwas aufrechter, etwas präsenter, mit wacheren Sinnen, klarem Blick, offenen Ohren. Vielleicht atmest Du spürbarer. Vielleicht spürst Du Dein Herz etwas deutlicher. Erlebe diese Qualität auch im Denken: Vielleicht in Form von Klarheit, Ausrichtung, ruhiger Umsichtigkeit. Du stärkst so in deinem Gehirn die Schaltkreise, die am Für-jemanden-da-sein beteiligt sind. Und die sind annähernd dieselben, wenn es ums Für-Dich-da-sein geht.
  • Erinnere Dich an eine Situation/eine Zeit, in der Du mit Power, entschieden, ausdauernd auf Deiner Seite gewesen bist. Es kann eine kleine Angelegenheit gewesen sein wie der entschiedene Ruck, den Du Dir in deiner Müdigkeit gegeben hast, um Deine Sachen abends vorzubereiten, damit Du am nächsten Morgen einfach zu Deinem Termin starten konntest. Es mag die Prüfungssituation sein, in der Du kurz vorm Verzweifeln warst, und Dir dann selbst beruhigend zugesprochen hast, Dich daran erinnert hast, dass Du in der Vorbereitung alles Mögliche getan hast, und dass Du es jetzt einfach versuchen kannst. Oder dass Du den Prüfer um eine andere Frage bitten kannst. Oder Dein entschiedener Einsatz für Dich selbst gegenüber dem einschüchternden oder abwertenden Verhalten eines anderen. Bringe diese Erfahrung nochmal so konkret wie möglich ins Hier und Jetzt, spüre sie ganz bewusst in Deinem Körper, nimm die Temperatur, die Energie, die Gefühle wahr, die sie in Dir auslöst.

Das Kind in Dir anlächeln

– Gerade, wenn Dir Mitgefühl mit Dir selbst eher schwer fällt, versuche es hiermit: Sieh Dich selbst als Kind vor Dir, vielleicht sogar in den ersten Momenten Deines Lebens: Verwundbar, einzigartig und absolut liebenswert. Spüre Deine Stärke, Fürsorge, Liebe und Loyalität und wende sie diesem Kind zu. Spüre dabei Dein Herz und alles, was mitschwingt. Bleibe für ein paar Momente bei dieser Vorstellung und Deinen Empfindungen.
Wenn Du einen Schritt weiter gehen möchtest, wende Dich nun genau mit dieser inneren Haltung Dir selbst zu. Spüre bewusst, wie es sich im Körper anfühlt, auf Deiner Seite zu sein. Gib dem Gefühl den vollen Raum, 100 % Deiner Aufmerksamkeit. Möglicherweise wie ein zweites Du, das Dir beruhigend die Hand auf die Schulter legt. Das Deine Versuche und Deine Last wahrnimmt, und Dich respektiert. Das Dich liebevoll anlächelt und einfach bei Dir ist.

Diese wohltuenden Erfahrungen machen einen Unterschied in Deinem Bewusstsein und sie hinterlassen Spuren in Deinem Gehirn. Je häufiger Du die Erfahrung des Auf-deiner-Seite-sein machst, desto bleibender werden ihre Spuren in Deiner neuronalen Struktur. Sie wirken wie Boden-Markierungen, an denen sich Dein zukünftiges Denken ausrichten kann. Zunächst wie einzelne Punkte und irgendwann wie ein deutlich sichtbarer Weg, zu dem Du immer leichter zurückfinden kannst. Ein Weg, der Deine Verbindung zu Dir selbst, Dein Selbstvertrauen, Deine eigene Wertschätzung stärkt und Dein Wohlbefinden nachhaltig fördern kann.